Ja, absichtlich so formuliert. Weil wir etwas völlig Absurdes zur normalen männlichen Freizeitbeschäftigung erklärt haben: Männer sitzen alleine vor einem Bildschirm, schauen anderen Männern beim Sex zu, masturbieren dazu und verteidigen das anschließend auch noch als völlig harmlose Form ihrer Sexualität.
Das wäre vielleicht nur eine schräge Angewohnheit, wenn es irgendwann im Erwachsenenalter anfangen würde. Tut es aber nicht.
Da sitzt ein Junge, der gerade in die Pubertät kommt. Er hatte noch nie eine Freundin, noch nie Sex und noch nie eine nackte Frau vor sich. Aber auf seinem Handy kann er sich innerhalb von Minuten durch hundert nackte Frauen, Schwänze und Sexpraktiken klicken.
Dem Jungen mache ich nicht mal einen Vorwurf. Was soll der denn machen? Der Sexualtrieb ballert plötzlich los und gleichzeitig hält er eine Maschine in der Hand, die ihm jederzeit genau den stärksten Reiz liefert, den er gerade sucht. Natürlich probiert er das aus. Natürlich bleibt ein Teil der Jungen daran hängen. Man müsste schon ziemlich weltfremd sein, um sich darüber zu wundern.
Das Problem ist, wenn derselbe Junge acht oder zehn Jahre später immer noch auf demselben Stuhl sitzt.
Dann bist du 20, 22 oder 25, hast jahrelange Masturbationserfahrung, kennst Pornokategorien besser als den Körper einer echten Frau und hast im Zweifel kaum Ahnung davon, wie tatsächliche Sexualität funktioniert. Und genau dann fangen manche auch noch an, dieses Zeug zu verteidigen. „Pornos sind doch gar nicht schlimm.“ „Macht doch jeder.“ „Lass mir meinen Konsum.“
Bruder, schau dir doch wenigstens einmal an, was du da verteidigst.
Du sitzt alleine mit deinem Durchschnittspimmel in der Hand vor einem Bildschirm und schaust einem Typen beim Ficken zu, dessen Schwanz gefühlt doppelt so groß ist wie deiner. Und das Schlimmste ist, du bist da nicht zufällig gelandet. Viele suchen genau danach. „Big Dick“ gehört zu den populären Pornokategorien. Männer suchen gezielt nach besonders gut bestückten Männern, damit sie denen dabei zugucken können, wie sie attraktive Frauen ficken, während sie selbst davor sitzen und wichsen.
Was ist eigentlich los mit euch?
Nennt es Pornokonsum, dann klingt es schön neutral. Beschreibt man einfach, was passiert, ist es ziemlich offensichtlich voyeuristisch. Andere Menschen haben Sex und du ziehst deine sexuelle Befriedigung daraus, ihnen dabei zuzusehen. Der andere Typ ist körperlich da, die Frau ist körperlich da, die beiden haben die Erfahrung. Deine Rolle ist Zuschauen, Klicken und Wichsen.
Und manche konditionieren sich genau darauf seit ihrer Jugend.
Wer länger Pornos schaut, kennt doch außerdem dieses Rumgeklicke. Du öffnest ein Video und findest es eigentlich geil, suchst aber trotzdem weiter. Noch ein Tab, noch eine Frau, nochmal vorspulen, wieder zurück, vielleicht gibt es irgendwo noch eine bessere Szene. Aus zehn Minuten wird eine Dreiviertelstunde. Irgendwann brauchst du eine ziemlich genaue Kombination, damit es richtig kickt, oder du landest bei Kategorien, die dich früher überhaupt nicht interessiert hätten. Edging, Binges, Tab-Jumping und immer mehr Reize sind mittlerweile sogar Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu problematischem Pornokonsum.
Und währenddessen sieht das echte Leben junger Männer immer beschissener aus.
In einer großen US-Untersuchung hatte bei den 18- bis 24-jährigen Männern fast jeder Dritte im gesamten vergangenen Jahr überhaupt keinen Sex. Der Anteil war innerhalb von nicht einmal zwei Jahrzehnten von 18,9 auf 30,9 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sank der Anteil mit mindestens wöchentlichem Sex deutlich.
Bei amerikanischen Männern zwischen 22 und 34 liegt der Anteil derjenigen, die noch nie Sex hatten, inzwischen ungefähr bei zehn Prozent. Vor gut zehn Jahren waren es noch rund vier Prozent.
Jeder zehnte Mann.
Und das sind nur die, die wirklich noch nie Sex hatten. Da sind die ganzen Männer noch gar nicht drin, die vielleicht mit 19 einmal eine Freundin hatten, mit 20 ein paarmal Sex und danach fünf Jahre lang wieder nichts.
Diese Männer sind aber nicht fünf Jahre lang asexuell. Natürlich sind sie geil. Und genau dafür haben wir ihnen die perfekte Ersatzwelt gebaut. Ein Mann kann heute zehn Jahre lang fast kein reales Sexualleben haben und trotzdem jeden Tag Sexualität konsumieren. Er kann hunderte oder tausende Frauen nackt sehen, regelmäßig Orgasmen haben und dabei kaum eine echte Frau berühren.
Das muss man sich mal geben.
Du kannst im echten Leben komplett außen vor sein und trotzdem jeden Abend das Gefühl erzeugen, irgendwie an einer gigantischen sexuellen Welt teilzunehmen.
Du nimmst aber nicht teil.
Du schaust zu.
Und dann diskutieren wir über männliche Einsamkeit, lncels, Absolute Beginners und junge Männer, die offenbar immer häufiger den Anschluss verlieren. Bei jungen Männern hat Einsamkeit deutlich zugenommen. Sexuelle Erfahrungen verschieben sich nach hinten. Ein relevanter Teil bleibt lange oder komplett unerfahren.
Und ausgerechnet Pornografie soll mit diesem Gesamtbild selbstverständlich überhaupt nichts zu tun haben?
Klar.
Pornografie ist für einen einsamen Mann gerade deshalb so gefährlich, weil sie verdammt gut funktioniert. Sie verbessert sein Leben nicht. Sie macht es nur leichter, jahrelang mit einem beschissenen Zustand weiterzumachen.
Und irgendwann sitzt du mit 27 immer noch da, hast mehr Pornos gesehen als irgendein römischer Kaiser nackte Menschen in seinem ganzen Leben, aber bekommst Schweißausbrüche, wenn eine echte Frau dir deutliches Interesse zeigt.
Dann bitte erzähl mir nicht, Pornos hätten dir sexuelle Freiheit gebracht.
Sie haben dir im schlimmsten Fall beigebracht, Zuschauer zu sein.
Was mich daran fast am meisten nervt, ist dieser Verteidigungsreflex. Sobald jemand sagt, Männer wären ohne Pornos vielleicht besser dran, benehmen sich manche, als würde man ihnen die Grundversorgung abstellen. Da wird sofort relativiert, gerechtfertigt und irgendeine Studie verlangt, die bitte exakt beweisen soll, dass das eigene Pornhub-Lesezeichen schuld am eigenen beschissenen Liebesleben ist.
Wenn Pornos wirklich so unwichtig sind, dann lass sie doch einfach weg.
Was ist das Problem?
Masturbieren kannst du auch ohne. Fantasie hast du hoffentlich noch. Und wenn du Sex willst, gibt es dafür echte Menschen.
Wir haben einer ganzen Generation von Jungen beigebracht, ihre Sexualität allein vor einem Bildschirm auszuleben, und wundern uns anschließend darüber, dass ein Teil dieser Jungen als Männer immer noch allein vor einem Bildschirm sitzt.
Wenn daraus Millionen Männer werden, die später Beziehungen anfangen, lange alleine bleiben oder gar keine Familie gründen, ist das irgendwann nicht mehr nur deren privater Browserverlauf. Dann verändert es Partnerschaft, Familiengründung und letztlich die Gesellschaft.
Deshalb würde ich jedem erwachsenen Mann, der regelmäßig Pornos schaut, genau eine Sache empfehlen: Hör auf damit.
Und wenn dich allein dieser Vorschlag schon wütend macht, dann setz dich ruhig wieder auf deinen Zuschauerstuhl, öffne „Big Dick“ und erklär dir dabei, wie völlig unwichtig Pornos für dein Leben sind.